Ausstellung

LOULOU CHERINET (S/ETH) DANDELION

Eröffnung: 27. November 2004, 18 h
Ort: Halle für Kunst, Reichenbachstr. 2, 21335 Lüneburg

ab 21 h: A p é r o

Geb. 7, Raum 301, Campus der Universität Lüneburg, Scharnhorststr. 1, 21335 Lüneburg

Loulou Cherinet (*1970) inszeniert in ihren seriellen Fotografien und Videoarbeiten Geschichten, die den Betrachter in seiner gewohnten Sichtweise irritieren. Vor dem Hintergrund ihres eigenen Lebens auf unterschiedlichen Kontinenten thematisiert die Künstlerin in ihren Arbeiten Fragen kultureller Identität und verfolgt bei ihrer Sichtweise auf Europa bzw. den Westen mit künstlerischen Mitteln die Idee einer inversen Ethnographie, d.h., sie spielt mit den gewohnten Sichtweisen eines europäischen Blicks auf den afrikanischen Kontinent, indem sie diesen Blick umkehrt.

Der Film WHITE WOMEN (2002) ist dieses Jahr bereits auf der Sydney Biennale vorgestellt worden. Neun afrikanische Männer sitzen um einen runden Tisch. Sie tragen alle die gleichen gestreiften Matrosenhemden und sind in eine rege Unterhaltung vertieft. Die Kamera wandert beständig um diesen Tisch, so dass die ihr gegenüber sitzenden Männer nacheinander ins Blickfeld geraten. Sie tauschen ihre Erfahrungen im Spiel von Liebe und Partnerschaft zwischen schwarzen Männern in der Diaspora und einheimischen weißen Frauen aus. Das Thema und das Setting wurden von der Künstlerin vorgegeben; die Dialoge haben sich während des Drehs entwickelt, wodurch der Film seinen dokumentarischen Charakter erhält.

Speziell für die Ausstellung in Halle für Kunst eV hat Loulou Cherinet ein neues Projekt entwickelt, das der Weiterführung des Gedankens der inversen Ethnographie gewidmet ist. Die Doppelprojektion MINOR FIELD STUDY (2004) basiert auf Filmmaterial des kongolesischen Anthropologen Billy Marius, das er zu Studien über Pygmäen an verschiedenen Orten in der Republik Kongo-Brazzaville aufgenommen hat. Von diesem Material hat Cherinet kurze Sequenzen ausgewählt und in Filmaufnahmen montiert, die sie in einem Vorort von Stockholm gemacht hat. Dabei kommt es zu Gegenüberstellungen von äquivalenten Situationen. Inwiefern diese Gegenüberstellungen dem Betrachter vertraut oder irritierend vorkommen, hängt von dessen mehr oder weniger fest verankerten Vorstellungen von beiden Orten ab.

Die dritte Arbeit, die von Loulou Cherinet in Lüneburg gezeigt wird, ist eine Serie von neun Fotografien. Ihre Zufallsbekanntschaft mit einem weißen Mann in Äthiopien ist Ausgangspunkt für die WHITE MAN SERIES (2001). Die Künstlerin hat diesen Mann an verschiedene Orte begleitet, wo er unausweichlich als “Exot“ in den Mittelpunkt des Interesses geriet. Der in der europäischen Sichtweise verankerte Exotismus wird dadurch umgedreht.

Die Ausstellung verdeutlicht die Problematik der Zuschreibung von Identität aufgrund geografischer und nationaler Zugehörigkeit. Cherinet dekonstruiert diese Zuschreibungen in ihren Arbeiten und fragt nach dem Modus der Aneignung, dem Vergleich, der Verleugnung und Infragestellung der Bildung von Subjektivität. Das Wissen der europäisch-nordamerikanischen Gesellschaften über afrikanische Denkweisen und Kosmologien ist nach wie vor durch Stereotypisierungen geprägt. Sie werden erhellt, wenn Loulou Cherinet in ihren Arbeiten den Blick von Außen auf Europa bzw. den Westen richtet. Durch die Umkehrung der Perspektive ermöglicht sie es, auch uns im Spiegel des Anderen wahrzunehmen.

zurück