Ausstellung

DANI GAL – CHANTING DOWN BABYLON

Ausgangsmaterial der Arbeiten von Dani Gal (*1975, Israel) bilden historische Dokumente, Medienberichte und Interviews, die er in raumgreifende, formal reduzierte Ton-, Bild- und Videoinstallationen überführt und aktualisiert, um sie auf ihre vermeintliche Eindeutigkeit hin zu befragen. Sein Interesse ist dabei insbesondere auf einzelne Stimmen im polyphonen Prozess des Erzählens gerichtet, auf die darüber sichtbar werdende Subjektivität und Fiktionalität spezifischer, vergangener Ereignisse. Die in diesem Vorgang aufklaffende Lücke zwischen dem Geschehnis und seiner heutigen Darstellung steht im Vordergrund von Gals Untersuchungen – eine Lücke, die stets zwischen kollektiver und subjektiver Erinnerung oszilliert, zwischen dem Ereignis selbst und den dieses dokumentierenden Zeugnissen.

In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in der Halle für Kunst präsentiert Dani Gal sein jüngst entstandenes Projekt »Chanting Down Babylon«, bestehend aus einer Rauminstallation, einem Video sowie verschiedenen Fotoarbeiten. Ausgehend von umfangreichen, an Atmosphären und subjektiven Erlebniswelten orientierten Recherchen in Amsterdam, Zürich und London werden in diesen Arbeiten verschiedene Ereignisse und Geschichten über das Medium Musik zu einem komplexen Netz abstrakter und formaler Verbindungen verwoben: der Absturz eines Frachtflugzeug, spiritualistische Glaubensvorstellungen, die Idee einer Rückkehr nach Afrika, Babylon und die einst von Marcus Garvey gegründete Schifffahrtgesellschaft »Black Star Line«.

Kurz nach dem Start des El-Al Flugs 1862 im Oktober 1992 vom Flughafen Schiphol in Amsterdam stürzte die israelische Boing 747 in einen Wohnkomplex des Amsterdamer Randbezirks Bijlmermeer. Dieses tragische und niemals vollständig aufgeklärte Unglück öffnete in den Niederlanden auf politischer Ebene eine Büchse der Pandora – geheime Transporte von Massenvernichtungswaffen, gelöschte Sequenzen auf der Black Box und mysteriöse Krankheiten sind nur einige der Skandale, die nach dem Flugzeugabsturz in den Medien ans Licht kamen. Für »Chanting Down Babylon« (2009) besuchte Dani Gal Bewohner des Stadtteils Bijlmermeer, vornehmlich Migranten aus Surinam und Afrika, sowie den Journalisten Vincent Dekker, um mit ihnen in einen Dialog über den Flugzeugabsturz und ihren wieder hergestellten Alltag im sanierten Gebäudekomplex zu treten. Die daraus resultierende Installation in der Halle für Kunst vermittelt Ausschnitte dieser Treffen in einer Diashow und den zwei als Lautsprecher gearbeiteten Soundskulpturen »The Horns of Jericho«. Formal minimalistische Objekte zitierend, lassen die Lautsprecher, bei denen der Ton durch eine Spirale von Kammern geleitet wird, ebenso die spiralenartige Fluglinie des Frachtflugzeuges assoziieren.

Die Videoarbeit »Black Magic Marker« (2009) wiederum zeigt den Musikproduzenten Lee »Scratch« Perry an seinem heutigen Wohnort in Einsiedeln (CH). Das ehedem von Lee Perry betriebene »Black Ark Studio« in Kingston, mit seinen einzigartigen Sounds zum Zentrum der jamaikanischen Musikszene avanciert, ging 1979 mysteriöserweise in Flammen auf. Scratch Perry, der »Upsetter« genannt, psalmodiert inmitten von mit Schriftzeichen übersäten und stark an sein damaliges Studio erinnernden Wänden über göttliche Kräfte, animistische Objekte und die Macht von Symbolen und Worten, die Wirklichkeit werden.

Dani Gals Interesse an den Leerstellen der Geschichte und ihrer Übermittlung, der Übersetzung ins Jetzt, in der gerade die blinden Flecke und Uneinholbarkeiten Bedeutung generieren, werden in der Präsentation in Halle für Kunst Lüneburg eV in einen Raum übersetzt, in dem Fragen von Macht, Politik, ungeklärten Verschwörungstheorien und Spiritualismus auf das subjektive Erleben der historischen Subjekte treffen.

Der in Berlin lebende Künstler Dani Gal wurde 1975 in Jerusalem geboren. Nach seinem Studium der bildenden Künste an der Bezalel Academy for Art and Design/Jerusalem, studierte Gal an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Städelschule, Frankfurt/Main und der Cooper Union for the Advancement of Science and Art in New York City. Neben Gruppenausstellungen im Kunstmuseum Bonn (2008), in der Deutschen Guggenheim Berlin (2008), im Portikus Frankfurt/Main (2007), der Kunsthalle Exnergasse (2006), dem Kunsthaus Baselland (2006) und der Halle für Kunst (2006), wurde Gal im Jahr 2008 mit dem Villa-Romana-Preis ausgezeichnet. Zurzeit ist er Stipendiat der Künstlerstätte Schloss Bleckede.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation in Form eines Künstlerbuches bei Argobooks Berlin, das Dani Gal in enger Zusammenarbeit mit dem Grafiker Florian Lambl (Berlin) gestaltet.

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