Veranstaltung

«DIE KUNST DER STUNDE, ENTKUNSTUNG ALS VERSPRECHEN« – VORTRAG VON KERSTIN STAKEMEIER IM RAHMEN VON «BEAU TRAVAIL«

2011-12-02 20.40.23Vergeistigung bei Theodor W. Adorno, Dematerialisierung bei Lucy Lippard, Immaterielle Arbeit bei Maurizio Lazzarato und jetzt Finanzialisierung in den Kunsttheorien der nun fortgesetzten kapitalistischen Krisenökonomie. Es scheint, als verflüssige sich die Kunst seit dem Aufkommen der Avantgarden, als habe die Moderne nie in etwas Anderem als ihrer Auflösung bestanden. Doch sie verflüchtigt sich seit inzwischen fast einem Jahrhundert, ohne je zu verschwinden. Statt dessen greift sie um sich, subsumiert immer neue Medien unter sich und baut ihre Produktivkräfte aus. Die Gegenwartskunst wird international produziert, arbeitsgeteilt, serialisiert und es arbeiten Heerscharen von Künstler/nnen-Assistent/innen weiterhin in den „alten“ Medien der bildenden Künste, zeichnen, malen, formen und gießen, während Künstler/Innen sich kaum mehr als solche vorstellen können, wenn sie sich nicht fähig zeigen, solcherlei Heerscharen zu koordinieren, sei es im kleinen oder im großen Maßstab. Professionelle künstlerische Arbeit ist unassistiert kaum je denkbar. Auch in der Kunst geht die Arbeit daher nicht aus, sie wird nur, wie in allen anderen Feldern der Produktion, ausgelagert, und gehört scheinbar nicht länger zur Kunst. Die vieldebattierten Auflösungserscheinungen betreffen lediglich die historische Wandlung der Stabilisierungsformen der gesellschaftlichen Figur „Künstler“ („Künstlerin“ ist nur eine Unterart), der Geltungsansprüche der Hochkultur innerhalb der sich verändernden globalisierten Produktion und Konsumption. Hier soll es nicht um einen Abgesang gehen, nicht um eine Trauerarbeit – sondern ganz im Gegenteil um eine positive Barbarei, um eine Diskussion der gegenwärtigen Realität künstlerischer Produktionsformen und der Frage nach ihren Potentialen jenseits der gesellschaftlichen Distinktion. Entkunstung, das von Adorno erfundene Wort zur Beschreibung der Desintegrierung der Kunst in der Massenkultur, dient hierbei als Marker – für eine Re-Materialisierung, das Panorama einer Zerlegung statt einer Auflösung.

Kerstin Stakemeier (*1975, lebt in Berlin) ist als Autorin, Übersetzerin, Dozentin und Initiatorin tätig. Sie studierte Politikwissenschaften und Kunstgeschichte und arbeitet derzeit an der Buchfassung ihre Dissertation über die «Entkunstung«  in der bildenden Kunst seit 1915. Seit 2008 setzt sich Stakemeier mit historischen und zeitgenössischen Strategien und der Gegenwärtigkeit des Realismus in der Kunst auseinander.

Die Vortragsreihe «Beau travail« wird großzügig gefördert durch das Land Niedersachsen, die Sparkasse Lüneburg, den Lüneburgischen Landschaftsverband, die Hansestadt Lüneburg und die Lüneburger Bürgerstiftung
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