Ausstellung

Vom Handeln

Mit Arbeiten von Will Benedict, Bernadette Corporation, Stephan Janitzky, Steffen Jørgensen, HC Playner, Puppies Puppies, Ulla Rossek und Diamond Stingily


Kuratiert von Stefanie Kleefeld

Die Gruppenausstellung „Vom Handeln“ stellt eine gedankliche Fortführung der 3-teiligen Ausstellungsreihe dar, die 2016/2017 in der Halle für Kunst gezeigt und in der sich den Begriffen „Fantasie“, „Ausdruck“ und „Authentizität“ gewidmet wurde. Hintergrund war der Versuch, für jene Aspekte Begriffe zu finden, die an künstlerischen Arbeiten interessant sind. Also positiv zu benennen, was denn nun eigentliche die Aspekte sind, die auf Interesse und Resonanz stoßen, und nicht nur in einer Negation zu formulieren, dass sich manch zeitgenössische Kunst zu sehr im Durchdeklinieren von Referenzen, im Aufrufen eines kritischen Impetus, in einem Diskurs geschulten Vokabular oder in einer glatten Oberfläche erschöpft. Erstaunlicherweise rückten dabei vor allem Begriffe ins Blickfeld, die vornehmlich als obsolet und reaktionär gelten („Fantasie“, „Ausdruck“ und „Authentizität“). Was jedoch insofern interessant war, als sich postwendend die Frage stellte, ob sich diese Begriffe nicht auch jenseits eines klischeehaft-essenzialisierenden/substanzialisierenden Verständnisses für zeitgenössische Kunst nutzbar machen ließen. Und wenn ja, wie?

Wurde in den vergangenen Jahren zu Recht eine Kritik an entleerten kritischen bzw. politisch engagierten Kunstpraktiken immer vehementer, die sich nicht zuletzt in einem verstärkten Interesse seitens zeitgenössischer Künstler*innen am Uneindeutigen, Fantastischen, Surrealen, Poetischen, Magischen und Abjecten zeigt – in einem Begehren also, künstlerische Praktiken eben nicht mehr bruchlos an Diskurse, Referenzen oder Politiken anzubinden -, scheint die Gemengelage mittlerweile jedoch komplizierter. Zwar sieht sich das Aufrufen von Momenten wie „Fantasie“, „Ausdruck“ und „Authentizität“ nicht mehr gleich dem Generalverdacht ausgesetzt, einem hoffnungslos altbackenen Kunstbegriff zuzuarbeiten, doch gilt es nun Sensibilitäten dafür zu entwickeln, dass sich im Zuge einer Kritik am „Politischen als Stil“ (James Meyer) bzw. einer „Mainstreamisierung von Kritik“ (Helmut Draxler) nicht eine „Neue Empfindsamkeit“, gleichsam eine „Intensität als Stil“ einschleicht.

Auch wenn diese Gefahr – quasi als sich bereits am Horizont abzeichnender Schatten dieser neuen Empfindsamkeit oder Innerlichkeit oder Dringlichkeit zeitgenössischer künstlerischer Praktiken – im Rahmen der 3-teiligen Ausstellungsreihe schon mitgedacht und mitformuliert wurde, soll diesen Überlegungen nun Raum gegeben und mit der aktuellen Ausstellung das Motiv des „Handelns“ in den Fokus gerückt werden. „Handeln“ hier jedoch nicht verstanden als „Praxis“, sondern im Sinne Hannah Arendts Überlegungen zur „Vita activa – Zum tätigen Leben“, welches sich in einem Weltbezug, d.h. in einem Interesse für bzw. Sorgen um die Welt ereignet. Wobei sich hier wiederum auch von dem, in Reaktion auf die aktuelle weltpolitisch-gesellschaftliche Lage neuerlich an allen möglichen Ecken des Kunstfeldes (erneut) immer lauter werdendem Ruf nach dem „Politischen“ in der Kunst abzugrenzen ist. Schleicht sich doch so wieder eine Vereinnahmung bzw. Indienstnahme von Kunst ein – nämlich verantwortlich zu sein, einen (politischen) Beitrag zu leisten -, der sie weder gerecht werden kann noch muss. Denn die Vorstellung, Aufgabe der Kunst sei es „politisch“ zu sein, ist nicht nur äußerst idealistisch aufgeladen, auch kann Kunst gar nicht politisch radikal sein, da sie ansonsten Politik und nicht mehr Kunst wäre. Wolle sie nämlich politisch sein, so müsse sie die Dinge derart vereinfachen, dass sich jegliche Komplexität ästhetischer Erfahrung auflöse. Sie wäre dann pädagogisch oder agitierend. Auch wäre eine solche In-Eins-Setzung von Kunst und Politik brandgefährlich, denn, mit Christoph Gurk gesprochen, geht mit der Adressierung und Simulation des Politischen die Gefahr einher, dass diese zum Agenten einer massiven Entpolitisierung werde und zu einem „Ventil, das erlaubt, die Systeme umso effektvoller am Laufen zu halten“. Engagierte künstlerische Praktiken sind nämlich meist an kein konkretes politisches Subjekt und keine konkrete Situation gebunden, sondern kulminieren lediglich in einer „romantische(n) Idee (…) der permanenten Revolutionierung“ (Helmut Draxler). Revolution immer und nirgends, sozusagen.

Hinter all diese Überlegungen zum Verhältnis von Kunst, Politik und Engagement soll und darf nicht zurückgefallen werden. Dennoch versteht sich die Ausstellung keinesfalls als eine über Kunst und Politik. Ihr Anliegen ist es nicht, ein Bild davon zu entwickeln, wie „gute“ oder „zeitgemäße“ „politisch engagierte“ Kunst aussehen könnte; wie sie auch keinerlei Interesse daran hat, Kunst überhaupt in Kategorien aufzuteilen bzw. solchen zuzuordnen. Sehr vielmehr gründet auch sie – wie die gesamte Ausstellungsreihe – in einem Nachdenken über künstlerische Praxis im Allgemeinen und in dem Versuch jene 11.03.2018Momente zu fassen, die an künstlerischen Arbeiten interessant sind. Wenn hier der Blick auf die auszulotende Ambivalenz zwischen dem Ästhetischen und dem Engagement fällt, auf das Changieren zwischen beiden Polen also, welches im besten Falle nicht still zu stellen ist, ist damit zugleich benannt, warum das Moment des „Handelns“ als gedankliche Fortführung eines Nachdenkens über „Fantasie“, „Ausdruck“ und „Authentizität“ gedacht werden kann; aber auch, warum in der Ausstellung selbst künstlerische Positionen gezeigt werden, die sich zwischen den Polen Ästhetik/Poetik und Engagement bewegen und, wie Hannah Arendt sagen würde, darum ringen, sich zur Welt in Bezug zu setzen.

Veranstaltungen
Filmvorführung von Bernadette Corporation, „Get Rid of Yourself“, 2003
Samstag, 11. März, 20 Uhr

»Plakate gegen Rassismus – Visuelle Dimensionen von Rassismus und Solidarität« – Workshop mit Bernd W. Plake
Montag, 12. März 2018, ab 18 Uhr
Workshop fuer Jugendliche und Erwachsene

»Stammtischkämpfer*innen – Seminar « – Workshop mit Teamern von »Aufstehen gegen Rassismus«
Freitag, 16. März 2018, 11 – 17 Uhr
Workshop für Erwachsene

»Stadt, Rad, Kunst!« – Workshop mit Anna Prinz
Samstag, 17. März 2018, 11 – 14 Uhr
Workshop für Kinder von 7 bis 12 Jahren

»Kann Kunst mutig sein?« – Philosophieren über Mut mit Mona Harry
Sonntag, 25. März 2018, 15 – 16.30 Uhr
Workshop für Kinder von 6 bis 12 Jahren

»Mitglieder führen« – mit Florentine Muhry
Mittwoch, 28. März 2018, 18 Uhr

»Kunst und Kuchen« Spezial
Filmvorführung von »Hannah Arendt – Denken und Leidenschaft« (Jochen Kölsch, 2006)
und »Günter Gaus im Gespräch mit Hannah Arendt« (1964)
Sonntag, 8. April 2018, 16 Uhr

Die Ausstellung wird grosszügig gefördert durch das Land Niedersachsen, den Lüneburgischen Landschaftsverband, die Sparkassenstiftung Lüneburg und die Hansestadt Lüneburg. Das Vermittlungsprogramm wird ermöglicht durch das Land Niedersachsen, die LAGS, die VGH-Stiftung, die Lüneburger Bürgerstiftung, die Lotto-Sport Stiftung, den DGB, die IG-Metall und die „Respekt-Initiative“ der IGMetall.

 

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