Ausstellung

Daphne Ahlers – Die Langstreckensängerin

 

Vielleicht könnte man Daphne Ahlers’ Arbeiten zuallererst als etwas beschreiben, das einen Bezug zum Körper aufweist. Da gibt es Abdrücke von Gesichtern, Formen weiblicher Geschlechtsteile oder auch Gebilde, die an Gliedmaßen oder Körperflüssigkeiten erinnern. Der Bezug zum Körper ist zum Teil aber auch eher subtil und verdankt sich den verwendeten Materialien wie Latex, Silikonwatte, Nylon oder Soft Shell. Bei Ahlers ist der Körper jedoch meist kein Ganzer, sondern bleibt Fragment. Er wird nicht als Handelnder aufgerufen; auch nicht als Erfahrungsraum, der sich jenseits des sprachlich Fassbaren verortet, im Sinne von mystischem oder magischem Erleben; und eben auch nicht als etwas, das im Geleit posthumanistischer oder postidentitärer Ideen erweitert oder verändert wird. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass der Körper in den letzten Jahren gerade aufgrund dieser Aspekte und Potentiale ein ziemliches Revival erfahren hat und in zeitgenössischen künstlerischen wie theoretischen Diskursen überaus präsent ist.

Auch wenn Ahlers Arbeiten kein Spektakel des weiblichen Körpers feiern, so ist ihr Hintergrund dennoch ein feministischer. Und dies nicht nur, da in ihnen Themen wie das Verbot des Facesittings in Großbritannien, die jahrhundertelange Hexenverfolgung oder neue potentielle Verhütungsmittel für Männer aufgerufen werden, sondern auch, da sie von einer grundlegenden Bodypositivity durchzogen sind, die durchaus genderübergreifend ist. Diese Bejahung des Körpers bezieht sich auf dessen Potential, das Ahlers in ihren Arbeiten auszuloten, zu erweitern und zu verändern sucht: Etwa indem sie einzelne Körperteile isoliert und neu kontextualisiert, verniedlicht oder makroskopisch in den Fokus stellt, um so Fest- und Zuschreibungen zu unterlaufen. Dementsprechend geht es Ahlers in ihren Arbeiten auch nicht um die Ausschlachtung, sondern vielmehr um die An- und Rückeignung von Körpern.

Für ihre Lüneburger Ausstellung hat Daphne Ahlers eine Serie neuer Arbeiten realisiert: Stelen aus bekleideten Schaumstoffrollen auf beweglichen, im Boden fixierten Stäben. Diese reichen zwar nicht an „wirkliche“ Körper heran, können aber durchaus als Personifikationen unterschiedlicher Typen gelesen werden. Gleich einer Familienaufstellung – bzw. entsprechend jeder Community – stehen sie miteinander in Beziehung und sind nicht ohne Verbindung zueinander zu sehen. Alle in diesem Gebilde scheinen eine ganz bestimmte räumliche Position einzunehmen und ihre je spezifische Rolle zu spielen. Diese Rollen oder Identitäten sind jedoch „angezogene“, wird den leblosen Schaumstoffformen doch erst qua Ausstaffierung ihre Charakterisierung zugeschrieben. Hier blitzt kurz Ahlers Interesse für Mode auf. Darüber hinaus wird aber auch, wie es der Titel der Ausstellung bereits andeutet, das Moment des Scheiterns aufgerufen. „Die Langstreckensängerin“, eine an sich schon paradoxe Figur, da der Gesang niemals soweit reichen kann wie es die Langstrecke andeutet, wird im Kontext der Ausstellung jedoch umso mehr dem Misslingen Preis gegeben, als Klang einen Körper braucht, um zu klingen, die Schaumstoffkörper jedoch jeden Ton verschlucken und als Resonanzraum gänzlich ungeeignet sind. In den Arbeiten geht es aber auch um Selbst- und Fremdwahrnehmung, um Bewertung und Rückweisung von Bewertung, um Verhältnisse und Verhaltensweisen sowie deren soziale und politische Dimensionen, um Unbeweglichkeit und Instabilität, aber auch um Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Ausweichens und Sich-Entziehens. Man kann es vielleicht so sagen: Ahlers spannt hier einen Bogen vom einstigen Interesse am Körper(fragment) hin zum Körper in Beziehung, welcher zwar immer noch Fragment bleibt, aber darüber hinaus einen sozialen Körper bildet.

 

Arbeiten von Daphne Ahlers (*1986 Hamburg) wurden u.a. gezeigt bei Cordova, Barcelona (2018), in der Braunsfelder Collection, Köln (2018), im Neuen Essener Kunstverein, Essen (2018), bei Jo Brand, Glasgow (2018), bei Forde, Genf (2017), in der Galleria Acappella, Neapel (2017), in der Galerie Genscher, Hamburg (2016) und bei Sandy Brown, Berlin (2015). Als Lonely Boys hat sie zusammen mit Rosa Rendl performt u.a. bei Paris Internationale, Paris (2017), im Salzburger Kunstverein (2017), bei Bobs Pogo Bar KW, Berlin (2017), bei Sandy Brown, Berlin (2017), im Skulpturinstitut, Wien (2015), in der Halle für Kunst und Medien, Graz (2015) und beim 3HD Festival, Berlin (2015).

Kuratiert von Stefanie Kleefeld

 

Veranstaltungen

»Kinder führen Kinder«  & »Kinderclub«  mit Anna Prinz

Samstag, 09. Februar 2019, 11.00 – 13.00 Uhr

Für Kinder von 6 bis12 Jahren

Eintritt frei

Anmeldung unter: 

 

Kuratorinnenführung

Mittwoch, 20. Februar 2019, 19.00 Uhr

 

»Noch mehr Kunstgeschichten« – Workshop mit Maria Smith

Sonntag, 24. Februar 2019, 15.00 – 17.30 Uhr

Fuer Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Eintritt frei

Anmeldung unter: 

 

»Kunst und Kuchen« 

Konzert von Rosa Rendl

Sonntag, 24. März 2019, 16.00 Uhr

 

Die Ausstellung wird grosszügig gefördert durch die VG Bild-Kunst und den Lüneburgischen Landschaftsverband. Das Vermittlungsprogramm wird ermöglicht durch das Land Niedersachsen und die LAGS. Das Jahresprogramm der Halle für Kunst Lüneburg basiert auf der grosszügigen Förderung durch das Land Niedersachsen, die Sparkassenstiftung Lüneburg und die Hansestadt Lneburg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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