Ausstellung

PROFORMFILMKLUB #3 MIT Stephan Janitzky, Justin Lieberman, Stephanie Weber & Laura Ziegler

 

ProFormFilmKlub #3

mit Justin Lieberman, Stephan Janitzky, Stephanie Weber & Laura Ziegler

29. Februar 2020,19:00

 

ProFormFilmKlub wurde 2019 von Jan Breuer und Laura Ziegler gegruendet. Er hat weder einen festen Ort noch eine fixe Struktur, sondern formiert sich um einen Kern – mittlerweile bestehend aus den Kuenstler*innen Laura Ziegler und Stephan Janitzky – in immer neuen Kollaborationen. ProFormFilmKlub organisiert Filmvorfuehrungen, die der Dreiteilung des Kinoformates aus Werbeclips, Vor- und Hauptfilm folgen. Der Klub wuchert jedoch in theatraler Geste raeumlich und zeitlich ueber die Leinwand hinaus und rueckt damit in die Naehe des Expanded Cinema der 1960er und 70er Jahre: Auftakt der Filme bildet meist eine musizierte Einfuehrung. Als Supplement erscheint jeweils ein Programmheft, das eine thematische und personelle Auffaecherung bedeutet.

Klub #1 fand bei Come over Chez Malik’s in Hamburg und Klub #2 kuerzlich im Kunstverein Freiburg statt. Fuer Klub #3 wurden nun die Kuratorin Stephanie Weber (Lenbachhaus, Muenchen) und der Kuenstler Justin Lieberman eingeladen, den Abend mitzugestalten. Ausgewaehlt von Stephanie Weber wird „Miso et Maso vont en bateau“ (1976) des franzoesischen Filmkollektivs Les Insoumuses (Carole Roussopoulos, Delphine Seyrig, Ioana Wieder und Nadja Ringart) gezeigt. Im Anschluß ist „Video Aquarium“ (2019) von Justin Lieberman zu sehen.

„Miso et Maso vont en bateau“ entstand als Videokommentar zu der satirischen Sendung „Encore un jour et l’année de la femme, ouf, c’est fini!“ (1975), die im franzoesischen Fernsehen (France 2) ausgestrahlt wurde. Anlaesslich des ausklingenden, von der UNO ausgerufenen „Jahr der Frau“ (1975) hatte der Moderator Bernard Pivot die damalige Frauenministerin (Secrétaire d’état à la condition féminine) Françoise Giroud eingeladen, um sich mit verschiedenen selbsterklaerten ‚Misogynisten‘ der franzoesischen Medienwelt auseinanderzusetzen. Aufgebracht durch den unterhaltend-sarkastischen Ton der Ministerin, der die ausgestellte Frauenfeindlichkeit quasi oeffentlich normalisierte, zeichnete das feministische Videokollektiv Les Insoumuses die Sendung auf, um mittels Montage von Kommentaren, Wiederholungen und dokumentarischem footage von Pariser Frauendemonstrationen aus dem gleichen Jahr eine Gegendarstellung zu erzeugen. In „Miso et Maso vont en bateau“ verbindet sich Medienkritik mit politischer Aktion: Les Insoumuses demaskieren sowohl das Amt der Frauenministerin als auch den Apparat ‘Fernsehenʼ als servile Instrumente eines grundlegend patriarchalischen Systems. Programmatisch wird Video als Medium des Feedbacks und der Vielstimmigkeit zum kuenstlerischen Mittel weiblicher Selbstermaechtigung ernannt: „Kein Fernseh-Bild vermag es auszudruecken, wer wir sind. / Durch Video werden wir unsere Geschichten erzaehlen.“ (Les Insoumuses)

Durch die Linse ebenjener experimentell-emanzipatorischen Videoaestehtik der 1970er Jahre, die unter anderem weibliche Koerper- und Rollenbilder thematisierte, betrachtet Justin Lieberman in seinem 30 minuetigen Film „Video Aquarium“ die gegenwaertige Entwicklung hin zu immersiven high end Videoerfahrungen. Aus der Perspektive Liebermans Hausschildkroete Robert Wilson, der eine kleine Go Pro um den Bauch geschnallt wurde, tauchen die Betrachte*innen in ein ‘glitchigesʼ Meer aus Videosequenzen, die hauptsaechlich aus Werbeaufnahmen fuer kostspielige 360 Grad Kameras stammen. Die virtuelle Unterwasserwelt zerfaellt jedoch in ein unscharfes, inkohaerentes Nebeneinander aus konkaven Perspektiven und rorschachartigen Spiegelungen, in denen mitunter fragmentierte Koerperteile des unwissenden, aber zaehen Hauptdarstellers Robert Wilson aufblitzen. Zerschnitten werden diese ‘Trumaneskenʼ Aufnahmen des Innenraums von rauschenden, schwarz-weissen 16 mm Aufnahmen, die den provisorisch gebastelten Apparat – ein von 16 Screens und Kabelgewirr umgebenes Aquarium – Stueck fuer Stueck von außen sichtbar machen. Lieberman, der mitunter fuer seine Junk-Ansammlungen oder das Recycling eigener Kunstwerke bekannt ist, kommentiert in seinem polyphonen ‘Remakeʼ somit kommerzielle VR-Videotechnik durch das Narrativ eines 90er Jahre Reality TV-Horrors und ein Setting, das an Experimente zur Verhaltenskonditionierung („Skinner Box“) denken laesst.

Arbeiten von Justin Lieberman wurden u.a. gezeigt im Kunstpavillon, Muenchen (2019), in der Galerie Christine Mayer, Muenchen (2016), bei Deborah Schamoni, Muenchen (2016), im Kunstverein Müuenchen (2015), bei Le Confort Moderne, Poitiers (2015), im Kunstraum Muenchen (2015), bei Knowmoregames, New York (2014) und in der Martos Gallery, New York (2014).

Stephan Janitzky arbeitet in Muenchen in einem Buchladen und macht Kunst. Aktuell laeuft die Ausstellung von Stephan Janitzky und Sebastian Stein „Der naechste freie Mitarbeiter wird sich kummern“ im Kunstverein Freiburg.

Stephanie Weber ist Kuratorin fuer Zeitgenoessische Kunst am Lenbachhaus, Muenchen. Zuvor war sie im Bereich Medien- und Performance-Kunst am MoMA, New York, taetig. Am Lenbachhaus realisierte sie Einzelausstellungen mit Senga Nengudi (2019) und Stephan Dillemuth (2018) sowie die Gruppenausstellungen „Radio-Aktivitaet. Kollektive mit Sendungsbewusstsein“ (2020), „After The Fact“ (2017) und „Normalzustand. Undergroundfilm zwischen Punk und Kunstakademie“ (2017).

Arbeiten und Performances von Laura Ziegler wurden u.a. gezeigt im Kunstverein Freiburg (2020), im Haus der Kunst, Muenchen (2019), im Kunstverein Muenchen (2019), bei den Opernfestspielen Muenchen (2019), in der Stadtgalerie Bern (2019), bei Deborah Schamoni, Muenchen (2016), in der Kunsthaus Bregenz Arena (2015), im Kunstverein Arnsberg (2015). Sie beraet ProFormFilmKlub und MusicatWork, ein Chor fuer Altenheime, Kinder und Bueros.

Das begleitende Programmheft stellt Justin Liebermans Farbtheorie, die Erstausgabe von „Die Abenteuer des Suelzewesen/Adventures of the Suelze-Being“ von Merlin Rehms und Laura Ziegler sowie Ausschnitte aus Karolin Meuniers Carla Lonzi-Uebersetzung vor. Lonzi, eine weitere Figur der Frauenbewegung der 1970er Jahre, machte die Praxis der „Autoscienza“ – Gespraechsrunden mit anderen Frauen ueber die je persoenliche Erfahrungswelt – zur Grundlage ihres kunstkritischen und feministischen Schreibens.

Das Jahresprogramm der Halle für Kunst Lüneburg wird grosszügig gefördert durch das Land Niedersachsen, den Lüneburgischen Landschaftsverband, die Sparkassenstiftung Lüneburg und die Hansestadt Lüneburg. Das Vermittlungsprogramm wird ermöglicht durch das Land Niedersachsen.

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