Ausstellung

Andrea Bowers – Vows

Einführung: Bettina Steinbrürgge

 

(…)Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, dass Ehe und Liebe gleich bedeutend sind, dass sie denselben Motiven entspringen und dieselben menschlichen Bedürfnisse befriedigen. Doch wie bei den meisten weit verbreiteten Ansichten, beruht auch diese nicht auf Tatsachen, sondern auf Aberglaube.(…)“
(Goldman, Emma. „Marriage and Love.“ New York: Mother Earth Publishing Association, 1910, übersetzt von Karl Hoffmann)

In der Geschichte von politischem Aktivismus haben ästhetische Strategien oft die spezifische Rolle eingenommen, Forderungen visuell zu untermauern. Die aus Los Angeles stammende Künstlerin Andrea Bowers (1965) spürt in ihren Videos, Zeichnungen und Skulpturen diese Strategien aus der Vergangenheit auf und reflektiert sie vor unseren heutigen gesellschaftlichen und politischen Lebensbedingungen. Bowers versteht ihre Arbeiten damit auch als eine lebendige Begegnung von Kunst und Politik.

In Lüneburg wird mit der Zwei-Kanal Videoprojektion „Vows“ das Thema von Ehe und Liebe näher untersucht. Basierend auf dem Text „Marriage and Love“ (1910) von Emma Goldman (1869-1940), bietet Andrea Bowers ein Nachdenken über den zeitgenössischen Status der Ehe an. Die Pionierin auf dem Gebiet des feministischen Aktivismus, Emma Goldman, in Litauen geboren, emigrierte mit 16 Jahren in die USA, wo sie sich recht bald frei nach dem Motto „If I can’t dance, I don’t want to be part of your revolution“! dem politischen Radikalismus und dem Anarchismus verschrieb. Der Anarchismus faszinierte sie nicht nur deshalb, weil er vorsah, Kapitalismus zugunsten von freien Arbeitsgruppen abzuschaffen, sondern auch weil Anarchismus für Atheismus, Redefreiheit und Abschaffung von sexuellen Verboten stand. Goldman war davon überzeugt, dass Geburtenkontrolle das menschliche Elend lindern kann und Frauen aller Klassen sexuelle Freiheit gewährt werden sollte. Sie war zu diesem Zeitpunkt eine der ersten, die sich auch für die „freie Liebe“ aussprach, die für sie die spirituelle und sexuelle Vereinigung zweier Personen außerhalb der Ehe bedeutete. Die Ehe dagegen machte ihrer Meinung nach aus Frauen lebenslang abhängige und sexuelle Objekte.

In „Vows“ (Goldman, Emma. „Marriage and Love.“ New York: Mother Earth Publishing Association, 1910.) 2006, einer Zwei-Kanal Videoprojektion stehen sich zwei Frauen im Hochzeitkleid gegenüber und rezitieren den Text „Marriage and Love“. Dieser Text analysiert inwiefern die Institution der Ehe eine kapitalistische Institution ist, die in Opposition zur Liebe steht. Die Frauen stehen sich überlebensgroß gegenüber und tragen sich gegenseitig den Goldman-Text vor. Der historische Text bleibt unangetastet. Bowers Übersetzung in unsere Zeit findet über das Visuelle und den Gesten der Frauen statt. Die Situation erscheint absurd, verspricht das Äußere der beiden Frauen doch den so genannten schönsten Tag des Lebens, der abseits diskursiver Überlegungen begangen wird.

Zentral für Bowers ist eine engagierte Perspektive: „Beyond documentation there is a moral responsibility to observe (but not to judge) in my work.“ Die Künstlerin hebt historisches Material aus, weil sie verhindern will, dass bedeutsame historische Bewegungen heute in Vergessenheit geraten. Bar jeder Nostalgie gründet diese Vorgehensweise nicht nur auf der Angst des Vergessens und sondern auch auf der Gewissheit, dass historische Sichtweisen oftmals nichts von ihrer Relevanz eingebüßt haben. Die Betrachter sind aufgefordert zu fragen, was das Wissen der Vergangenheit für unsere Gegenwart bedeuten kann. Allen Arbeiten Bowers‘ – sowohl den Videos als auch den Skulpturen und Zeichnungen – ist jene „Sensibilität“ zu eigen, die sowohl Geist als auch den Körper erfordert. Bowers fängt den tatsächlichen Raum ein und ermöglicht einen Eintrittspunkt für den Betrachter, der es ihm ermöglicht, an der Arbeit teilzuhaben und sie zu vervollständigen.

„Und was ist mit freier Liebe? Liebe ist nichts anderes als frei! Ein Mensch kann mit seinen Millionen vielleicht alle Köpfe dieser Welt kaufen, aber nicht die Liebe. Menschen können die Körper anderer kontrollieren, aber alle Macht auf Erden ist nicht fähig, die Liebe zu kontrollieren.“
(Goldman, Emma. „Marriage and Love.“ New York: Mother Earth Publishing Association, 1910, übersetzt von Karl Hoffmann)

 

Biografie
Geb. 1965 in Wilmington, Ohio, lebt und arbeitet Andrea Bowers in Los Angeles.
1987 B.F.A., Bowling Green State University, Bowling Green, Ohio; 1992 M.F.A., California Institute of the Arts, Valencia, California; 1995/96 WESTAF/NEA Regional Fellowship for Visual Arts in sculpture; 1998 nominiert für den Fondazione Sandretto Re Rebaudengo per L’Arte Preis. In 2003 war sie der City of Los Angeles (C.O.L.A.) Fellowship Recipient for Visual Arts.

 

Führungen (jeweils 15h):
26. November N.N.
10. Dezember mit Polina Stroganova
07. Januar Bettina Steinbrügge

 

Herzlichen Dank:
Land Niedersachsen, Lüneburgischer Landschaftsverband, Stadt Lüneburg, Michael und Susanne Liebelt Stiftung, Galerie Mehdi Chouakri, Springer | Parker, migros museum für gegenwartskunst, Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest, Björn Melhus, Rupprecht Matthies, Malte Urbschat, Hayes Media, Medienhaus Hannover e.V., Galerie van Horn

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